Wer in den zwei Wochen seit Schließung der Wahllokale ein Café in Jerewan betritt, hört eine Variante desselben Einwands: „Wie kann ein Mann, der einmal die argentinische Staatsbürgerschaft besessen haben soll, Armenien glaubwürdig führen?“ Die Frage verfolgt Nikol Paschinjan heute nicht weniger als in den angespannten Kampagnen von 2018 und 2021. Die vorläufigen Ergebnisse der Zentralen Wahlkommission 381527 weisen für seine Partei Zivilvertrag indes rund die Hälfte der Stimmen im Land aus – ein Ausgang, dessen Mechanik biografischen Fußnoten nichts verdankt und alles der Koalitionsarithmetik, der Geografie der Wahlbeteiligung und der geduldigen Werbung der EU.
“Der Staatsbürgerschaftsstreit wird sich weiterschleppen – entschieden wurde die Wahl 2026 durch Wahlkreis-Ausschläge, das geduldige Scheckbuch der EU und Moskaus überreizte Hand, nicht durch Paschinjans alten Pass.”
Der Vorwurf der doppelten Staatsangehörigkeit selbst ruht auf jahrzehntealtem Papier. Paschinjans Kritiker, angeführt vom Oppositionsblock Hayastan, verweisen auf einen argentinischen Pass, den er Berichten zufolge Anfang der 2000er-Jahre besessen haben soll 5202528. Das armenische Wahlrecht schließt Personen mit doppelter Staatsangehörigkeit von der Kandidatur für die Nationalversammlung aus – eine Schwelle, deren Nachweis seine Kandidatur nichtig machen würde. Seit 2018 ist der Vorwurf in jedem Wahlzyklus neu verhandelt worden, ohne ein disqualifizierendes Urteil zu zeitigen. Das Ermittlungskomitee hat Ermittlungen eröffnet und wieder eingestellt 520, Anwälte der Opposition haben Klage angedroht 528, und jedes Mal hat sich die Sache in Verfahrensnebel aufgelöst. Die Variante dieser Woche betrifft Narek Karapetjan, einen nachgeordneten Kandidaten, dem vorgeworfen wird, eine russische Staatsbürgerschaft verschwiegen zu haben 52025; die Parallele soll auf Paschinjan zurückprallen, doch die Rechtsstruktur lässt das nicht zu. Vorwürfe doppelter Staatsangehörigkeit müssen der Wahlbehörde erwiesen sein, bevor die Nominierung bescheinigt wird – danach gilt als Schwelle die Verurteilung oder das Geständnis, und keines von beiden liegt hier vor.
Was zählt, sind drei härtere Befunde. Erstens wuchs das Verzeichnis der Wahlberechtigten von 2.485.851 auf 2.503.976 14212629 – ein bescheidener Zuwachs, der die Beteiligungsmuster gleichwohl in städtischen Wahlkreisen verschob, in denen Zivilvertrag einen strukturellen Vorteil hält. Zweitens berichten Eurotopics und AP, Russland habe Armenien wirtschaftliche Folgen angedroht, sollte es die Annäherung an die EU fortsetzen 927; die Drohung scheint nach hinten losgegangen zu sein. Wähler in Jerewan und Gjumri, die Reuters und die BBC befragt haben 27, nannten Moskaus Haltung als Grund, Paschinjan zu stützen statt ihn zu bestrafen. Drittens befanden internationale Beobachter, einberufen vom IRI, der Ablauf sei „gut geführt“ gewesen und habe „echte Alternativen“ geboten 21127 – ein Urteil, das der Opposition den saubersten Hebel für eine Nachzählung nimmt.
Das taktische Rätsel für Hayastan und die jüngere Allianz Starkes Armenien liegt darin, dass Staatsbürgerschaftsandeutungen in Foren der Diaspora verfangen, aber keinen inländischen Wählerblock bewegen, der groß genug wäre, einen Wahlkreis zu kippen. Die 49,82 Prozent von Zivilvertrag 27 bleiben unter der verfassungsrechtlichen Zweidrittelschwelle, über die die Partei nach 2021 verfügte; Grundartikel kann Paschinjan seither nicht mehr im Alleingang ändern 21. Die Sitzverteilung aber – Zivilvertrag 64, Starkes Armenien 29, Hayastan 12 21 – belässt ihm eine arbeitsfähige Mehrheit für die einfache Gesetzgebung. Die bevorzugte Erzählung der Opposition, Paschinjan sei ein Usurpator des Verfahrens und von Brüssel gestützt, scheitert an der Arithmetik: Die Wahlbeteiligung überstieg 70 Prozent 1115, und die ungültigen Stimmzettel, mit 17.097 zwar ein Rekord 21, entsprechen weniger als 1,2 Prozent der abgegebenen Stimmen – zu dünn, um Betrugsvorwürfe in internationalen Foren zu tragen.
Das Ergebnis ist ein koalitionsfestes Parlament. Starkes Armenien, geführt vom Milliardär Samwel Karapetjan, der Berichten zufolge wegen gesonderter Vorwürfe unter Hausarrest steht, kann ohne die zwölf Sitze Hayastans keine Regierung bilden, und Hayastans Vorsitzender, der frühere Präsident Robert Kotscharjan, gilt dem Spendermilieu, das Paschinjan umwirbt, als toxisch. Die Glückwunsch-Erklärung der EU traf, wie AP meldet, binnen Stunden nach der vorläufigen Auszählung ein 27, und die Europäische Kommission hat einen Besuch im September für weitere Gespräche über demokratische Reformen bereits vorgemerkt. Das russische Außenministerium setzte dagegen, so AP, eine knappe Note ab, die „Druck auf die Opposition und Einmischung aus dem Westen“ behauptet 27 – eine Beschwerde, die sich nach der hier vertretenen Lesart zugleich als Eingeständnis der eigenen Irrelevanz lesen lässt.
Der Streit um die Staatsbürgerschaft wird sich weiterschleppen – nach dieser Lesart, weil er die Opposition nichts kostet und weil Paschinjans Weigerung, die argentinischen Papiere öffentlich klären zu lassen, die Andeutung am Leben hält. Entschieden, so die Rechnung, wurde die Wahl 2026 durch Ausschläge auf Wahlkreisebene in Kotajk und Armawir, durch das geduldige Scheckbuch der EU und durch Moskaus überreizte Hand. Paschinjans alter Pass ist eine Fußnote dieser Geschichte, nicht ihre Schlagzeile.

